“Wen wir als Opfer bezeichnen, hat sehr stark damit zu tun, wie wir Gerechtigkeit in einer Gesellschaft definieren.” - Alice Hasters über den Opferbegriff

Interview

Mit ihrem neuen Buch ‘Anti-Opfer’ liefert Alice Hasters eine Gegenwartsanalyse, die Verletzlichkeit als Politikum zwischen Fremd- und Selbstzuschreibungen unter die Lupe nimmt. Von emanzipativen Bewegungen bis in die antifeministische Manosphere.

Alice Hasters mit einem Mikrofon in der Hand vor einem dunklen Hintergrund.

Eva Hoffmann: Bevor wir über den Titel Ihres Buches, “Anti-Opfer”, sprechen, müssen wir erstmal klären, wovon sich diese Begriffsschöpfung abgrenzt. Was ist ein Opfer?

Alice Hasters: Zum einen beschreibt das Wort “Opfer” Personen, die von Gewalt oder Unrecht betroffen sind. In der Regel stehen wir diesen Menschen erstmal zugewandt, positiv und mitfühlend gegenüber. Gleichzeitig ist Opfer in Deutschland ein Schimpfwort für Leute, die schwach und selbst für ihr Leid verantwortlich sind. Man kann aber auch Opfer für etwas sein. Ursprünglich kommt das aus dem Religiösen: Jesus hat sich für die Menschen geopfert, Soldaten im Krieg opfern sich für ihre Nation. In dieser Art von Opfer steckt etwas Heldenhaftes.

Welche gesellschaftlichen Umbrüche haben unseren heutigen Opferbegriff geprägt? 

Mit bestimmten Demokratisierungsprozessen hat der Staat begonnen, sich mehr für die eigene Bevölkerung verantwortlich zu zeigen. Daraus entwickelten sich Ansprüche, wie zum Beispiel die Witwen- oder die Invalidenrente. Dadurch hat sich auch die Bedeutung des Opferbegriffs verschoben. Opfer waren damit nicht nur um Menschen, die gestorben sind, sondern auch welche, die überlebt haben, verletzt wurden oder jemand anderen verloren haben. In den 1980er-Jahren erweiterte sich der Opferbegriff unter anderem durch den Aktivismus US-amerikanischer Soldaten, die im Vietnamkrieg waren, nochmal um eine psychische Komponente. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde als psychische Erkrankung offiziell anerkannt und gleichzeitig das Verständnis davon erweitert, was Leid überhaupt ist. Wen wir als Opfer bezeichnen, hat sehr stark damit zu tun, wie wir Gerechtigkeit in einer Gesellschaft organisieren. 

Welche Rolle spielen soziale Bewegungen dabei, wen wir als Opfer wahrnehmen und wen nicht?

Die sozialen Bewegungen in den 50er, 60er, 70er Jahren waren feministische, antirassistische und queere Kämpfe. Sie haben das Verständnis geprägt, dass Ungerechtigkeiten auch in Beziehungen stattfinden: ’Das Private ist politisch’. Diese Konzepte wurden von den sozialen Bewegungen der 2010er Jahre aufgenommen, die stark vom Internet geprägt waren. Mit Black Lives Matter oder MeToo wurden Diskussionen über Gerechtigkeit, die viel im Akademischen stattgefunden haben, in die breite Masse gebracht. Das Verständnis für politische Begriffe wie “Patriarchat”, “Intersektionalität”, “Misogynie", aber auch Begriffe aus der Psychologie, zum Beispiel “Trauma”, “Gaslighting", “Triggern”, ist gewachsen. Das ist gut einerseits gut, weil mehr Menschen mitreden konnten. Zum anderen sind diese Begriffe dadurch stark verwaschen und werden oft falsch verwendet. Beispielsweise “Triggern”: Aus “das hat mich aufgeregt” wird schnell “das hat mich getriggert”. Dadurch wird “Triggern” und Trauma etwas Alltägliches. Es wird nicht mehr zwischen der Sonderstellung einer traumatisierten Person, die eventuell besondere Ansprüche stellen kann und Hilfe braucht, und einer, die einfach Gefühle hat, unterschieden.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie diese Aufweichung des Opferbegriffs auch aktiv genutzt wird, um tatsächlich von Ungerechtigkeit Betroffene mundtot zu machen. Was passiert da?

Ich habe einen neuen Typus erfunden, das “Anti-Opfer”. Anti-Opfer sehen sich als Opfer der Opfer. Sie finden, dass es ungerecht ist, dass andere Leute Gerechtigkeitsansprüche stellen. Das kann daran liegen, dass sie eigentlich ihre Machtstellung als einen gerechten Zustand empfinden. Das Anti-Opfer fühlt sich falsch verstanden, eingeschränkt und vorverurteilt. Ich glaube, dass diese Gefühle wirklich real sind. Aber für das Anti-Opfer steht nicht wirklich etwas auf dem Spiel. Es ist keinerlei Gewalt ausgesetzt oder auf einer finanziellen Ebene existentiell bedroht. Es findet nur, dass es durch die Gerechtigkeitskämpfe stigmatisiert wird. Man nennt das manchmal auch Täter-Opfer-Umkehr. Aber Anti-Opfer nehmen dabei die Rolle des Opfers nicht vollständig an, weil sie Schwäche ablehnen. Sie sehen in ihrem “Leid” etwas Heldenhaftes - ein stiller Held, der angegriffen wird für seine eigentlich glorreiche Dominanz. Sie möchten gleichzeitig Macht und Mitgefühl. Anti-Opfer stärken mit ihrer Haltung Täterpositionen, weil sie sich gegen das Opfer richten und ihm damit Unterstützung und Solidarität entziehen. 

Inwieweit ist der Kampf um Fremd- oder Selbstzuschreibung durch den Opferbegriff politisch? 

Mir ist aufgefallen, dass wir Opfer und Opfermentalität mittlerweile so gleichsetzen, als ob Opfer sein nur eine Einstellungsfrage wäre. Zum Beispiel: Frauen, nicht weiße oder queere Menschen werden diskriminiert. Anstatt sich zu fragen, wie man diese Diskriminierung beheben kann, kommt dann der Vorschlag: Vielleicht sollten sie einfach nicht so viel jammern, dann wäre das Problem geklärt. Es ist eine Strategie von rechts, diese Positionen auszuhöhlen und zu banalisieren. Tatsachen werden behandelt wie subjektive Meinungen. Auch wenn ich verstehe, dass es für Individuen wichtig ist, eine gewisse Resilienz zu entwickeln, um mit den Gewalterfahrungen umgehen zu können - auf einer politischen Ebene kann das nicht die Lösung sein.

“Wir müssen darum kämpfen, dass bestimmte Ungerechtigkeiten eben keine Meinungs- oder Ansichtssache sind, sondern messbare, empirisch belegbare Tatsachen.”

Was würden Sie vorschlagen, um der Verwässerung dieser Begriffe entgegenzuwirken?

‘Opfer’ ist ein Begriff, der sich auflöst. Wir haben das auch beim Wort Gewalt, bei Hass - sogar bei Faschismus. Bei all diesen Begriffen wissen wir mittlerweile nicht mehr genau, was sie bedeuten. Sie sind auf der einen Seite ganz groß und gleichzeitig ganz banal. Das hat den Effekt, dass Leute nicht mehr richtig zuhören und sagen, heutzutage sei ja alles Gewalt, heutzutage sei ja jeder Opfer. Sie verlieren ein Interesse daran, zu fragen, was es denn eigentlich heißt, Opfer zu sein. Nehmen wir zum Beispiel das Wort Rassismus: Rassismus kann im Kleinen, im Alltäglichen stattfinden, aber Rassismus kann auch Leben nehmen und physische Gewalt bedeuten. Das hängt miteinander zusammen, aber die Auswirkungen sind andere. Es ist ganz wichtig, sich wieder zurück auf die Fakten zu berufen, sonst kommen wir da nicht raus. Wir müssen darum kämpfen, dass bestimmte Ungerechtigkeiten eben keine Meinungs- oder Ansichtssache sind, sondern messbare, empirisch belegbare Tatsachen.

Wer profitiert davon, wenn Opfern ihre Gerechtigkeitsansprüche abgesprochen werden?

Es gibt Menschen, die ganz bewusst dieses Anti-Opfer-Narrativ nutzen. Und es gibt Menschen, die sich davon angesprochen fühlen, aber selber nicht wirklich durchblicken, was da eigentlich passiert. Schaut man zum Beispiel in die sogenannte Manosphere, also in eine Internetwelt, wo Männern eingeredet wird, dass wir in einer Welt leben, wo Frauen bevorteilt werden, da sieht man: diese Männer stellen sich als Opfer von Frauen dar, insbesondere von Feministinnen. Gleichzeitig sind sie sehr anti-viktimistisch, also gegen Opfer. Sie reden sich ein, hart sein zu müssen und sich alleine aus dieser Situation raus kämpfen zu müssen. 

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass dieser Antiviktimismus auch in der Politik Einzug gefunden hat.

Dieses Muster aus der Manosphere findet sich auch in vielen politischen Entscheidungen: Man entscheidet sich für die Verhärtung und wertet jegliche solidarische Politik ab. Wir kürzen bei den Sozialleistungen und investieren in Abschottungspolitik. Alles, was Gewalt fördert, wird als Stärkung der Sicherheit gesehen und begünstigt, alles, was Soziales fördert - das Bildungssystem, das Sozialsystem, das Gesundheitssystem - da müssen die Leute mehr in die Eigenverantwortung gehen, weil eine Investition dahingehend mittlerweile als “unfair” gesehen werden. Es sei ungerecht den Gutverdienenden, den Gesunden, oder den Leistungsstarken gegenüber. 

Es gibt immer wieder prominente Fälle, die in den Medien stattfinden, während ganz viele andere Opfer diese Aufmerksamkeit nicht bekommen. Woran liegt das? 

Es gibt ein Grundmisstrauen, wenn jemand an die Öffentlichkeit geht: Warum will die Person unsere Aufmerksamkeit, steckt da nicht vielleicht was anderes dahinter? Es gibt den Mythos, dass ‘wahre’ Opfer das nicht machen würden. Im Schweigen wird etwas Tugendhaftes gesehen. Opfer, die an die Öffentlichkeit treten, müssen ziemlich viel leisten, damit ihnen geglaubt wird. Sie müssen beweisen, dass sie sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, sie müssen gut kommunizieren und mit dem Druck umgehen können. Die Öffentlichkeit kann diese Opfer hochhalten und sich hinter sie stellen. Sie kann sie aber auch ganz schnell wieder fallen lassen. In der Öffentlichkeit sein kann somit eine sekundäre Viktimisierung hervorrufen. Es bedarf viel Resilienz, das auszuhalten. Es ist meistens auch so, dass Menschen, die bestimmte Privilegien haben - eine gewisse Bildung, ein gewisses Aussehen, eine Art von Bürgerlichkeit - in der Regel bessere Chancen haben, dass ihnen geglaubt wird. Zu sagen, dass die wahren Opfer schweigen, ist eher eine strukturelle Feststellung: hinter denjenigen, die man in der Öffentlichkeit sieht, stehen ganz viele Menschen, die man nicht sieht und denen wegen ihrer Armut, ihren fehlenden Sprachkenntnissen oder einfach ihrem Charakter nicht geglaubt würde.

Was braucht es, um von diesem Ringen um Begrifflichkeiten wegzukommen, um sich ehrlich mit der tatsächlichen Lebensrealität von Betroffenen von Gewalt auseinanderzusetzen?

Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass Opfer keine Charaktereigenschaft oder Einstellungssache, sondern eine Tatsache bezeichnet. Menschen werden diskriminiert, sie erfahren Gewalt. Viele Leute, die selbst Opfer von etwas geworden sind, distanzieren sich von dem Begriff, weil er so stigmatisierend ist. Man hat einfach nichts davon, Opfer zu sein. Und wir als Gesellschaft müssen begreifen, dass Opfer zu sein keine allumfassende Identität ist. Das ist, was jemand mit dem Satz “Ich bin kein Opfer” sagen will. Manche Opfer sind nett, manche Opfer sind blöd, manche Opfer sind schüchtern, manche sind stark, manche sind laut und manche leise. Wir sollten anerkennen, dass mit dem Wort Opfer immer nur ein Teilaspekt eines Lebens beschrieben werden kann und keine Schlüsse daraus ziehen, wie ein solcher Mensch zu sein hat. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Buchcover mit dem Titel "Anti Opfer" von Alice Hasters mit dem Untertitel "Warum wir Verletzlichkeit verachten" in roter Schrift. Alice Hasters seitlich stehend in einem grauen Blazer abgebildet.

Dieser Artikel wurde vom Selbstlaut Kollektiv organisiert und redigiert – einem Zusammenschluss von Journalist*innen, die gemeinsam arbeiten, recherchieren und Aufträge annehmen. Statt Konkurrenz und Vereinzelung setzt das Kollektiv auf Solidarität, Austausch und gegenseitiges Empowerment und das ohne Hierarchien, sondern auf Augenhöhe.

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